04.06.2016 Samstag  Gedanken eines Strömungsretters - Hochwassereinsatz Simbach

Bäume und Bretter, mehrere Meter hoch gestapelt wie bei einem Mikado-Spiel. Eine überregionale Bundesstraße, abgerutscht und von den Fluten verschlungen.

Schlamm, Möbel, Unrat überall. LKW und KFZ, teilweise auf der Seite liegend, andere auf dem Dach, andere an Hauswänden angelehnt.

Schockierte Anwohner.

Dies sah ich in den ersten Minuten nach meinem Eintreffen mit dem Strömungsrettertrupp des DLRG Kreisverbands Mühldorf. Als ich mich am Nachmittag nach der Alarmierung unserer Wasserrettungskomponente von meiner Arbeitsstelle entfernte, wusste ich nicht ansatzweise zu erahnen was mich erwartete - nämlich das Szenario auf was ich in hunderten Stunde Aus- und Fortbildung sowie in Übungen vorbereitet wurde: Hochwasser, unberechenbare Strömungen, unsichtbare Gefahren, Menschen und Tiere in Not.

Kurz darauf der erste Einsatzauftrag: Familie mit Kindern aus Wohnhaus retten.

Der kürzeste Weg: versperrt durch den reißenden Simbach. Einzige Alternative: der Weg über die teils abgerutschte Bundesstraße B12. Fußtrupp voraus schicken. Nach Einschätzung zur Überfahrt noch geeignet. Im Anschluss wenige Minuten Fahrzeit.

In der Wohnsiedlung angekommen bietet sich das selbe Bild: Wasser, Wasser, Wasser.

Laut Feuerwehr vor Ort sind wir die erste Wasserrettungseinheit in dem Wohngebiet. Was wird uns erwarten? Keine Zeit zum Grübeln. Passende Einsatzstelle finden, Boot einsetzen.

Das Wasser steht mir bis zum Bauch. Die Beine teils bis zu den Knien im Schlamm. Wir waten vorwärts. Gegen die Strömung.

Alle Sinne öffnen. Von meiner Ausbildung weiß ich, ausgehobene Gullideckel können zur tödlichen Gefahr werden - erst am letzten Wochenende ist ein Feuerwehrmann bei einem Rettungsversuch in die Tiefe gezogen worden. Die Umgebung wird ständig auf Gefahren gescannt. Treibt ein Baumstamm entgegen? Steigt der Wasserstand? Strömungsveränderung?

Bei einem Schritt Schlamm, beim nächsten Kies, eine Gartenmauer, dann Teerstraße. Nur den Halt nicht verlieren.

Wir sehen die ersten Personen an den Fenstern stehen.

Ein junger Mann steht am Gartenzaun. "Alles ok bei Ihnen?"- Im Moment alles klar. Die Personen befinden sich nicht in akuter Gefahr. Weiter zur Familie. Am Wohnhaus angelangt. Alle Personen wohlauf. Erste Überfahrt: zwei Säuglinge, die Mutter und eine Jugendliche. Geschafft. Zweite Überfahrt: vier Erwachsene. Einsatzauftrag abgeschlossen. Zurück zur Einsetzstelle.

Hier melden sich immer wieder besorgte Anwohner. Weitere Kinder hier, eine ältere Dame dort. Zurück in die Strömung und weiter zu den Häusern.

Immer wieder neue Häuser an denen Personen an den Fenstern im ersten Stock stehen. Über uns Hubschrauberrotoren zum Retten von Personen von Häuserdächern. An den Winden: DLRG-Luftretter. Kollegen.

Es wird lauter, der Wind peitscht um die Ohren. Wasser wird aufgewirbelt. Der sogenannte Downwash. Kein Problem, aber im Kopf geht eine Gefahrenlampe an: auf umherfliegende Gegenstände achten, zum Umgebungsscan hinzufügen.

Rufe von links: "Neben Sie uns mit?" - "Ja, wir kommen nochmal vorbei! Wir können leider nicht alle auf einmal mitnehmen." Weiter in der Strömung. Vorbei an Häusern mit riesigen Baumstämme im Wohnzimmer.

Nach einigen Transporten die erste Trinkpause. Trinkwasser! Erst einmal das Heizöl aus dem Gesicht spülen. Trinken. Schnell einen Eiweißriegel.

Ein Anwohner vermisst seinen Vater. Er sei ein paar Straßen weiter ins Wasser um zu seinem 4-jährigen Enkel zu schwimmen. Zurück in die braune Suppe.

Die Straße runter. Starke Querströmung. Es dämmert. Die ersten Anwohner leuchten mit Taschenlampen aus dem Fenstern um auf sich Aufmerksam zu machen. Doch hier müssen wir vorbeifahren. Wo ist der Mann?

Hier könnte die gesuchte Querstraße sein. Ein Mann macht sich bemerkbar. Er ist der gesuchte. Er istwohlauf. Sein Enkel auch. Passende Stelle zur Personenübergabe suchen. Per Funk werden die Kollegen an Land hingelotst. Personen übergeben.

Zur ursprünglichen Einsatzstelle ist aufgrund der starken Strömung kein Zurückkommen.

Wir waten so weit zurück wie möglich, nehmen eine junge Dame auf. Badehose, T-Shirt, Handtasche ist alles was sie dabei hat. "Brauch ich noch was?", fragt sie.

"Sie bekommen das nötigste in der Notunterkunft!". "Meine Nachbarin ist auch noch im Haus!". Wir machen uns bemerkbar. Eine ältere Dame öffnet das Fenster im ersten Stock. Sie sagt sie könne nicht ins Erdgeschoss. Alle Möbel lägen kreuz uns quer. Die Tür sei durch einen Schrank blockiert. "Ja!", sie möchte unbedingt mitkommen.

Mein Kamerad nimmt Anlauf, die Haustür springt auf. Noch eine Tür, diesmal aus Sicherheitsglas. Dahinter der besagte Schrank. Wir haben keine Wahl. Eine Trage die wir mitführen wird als Rammbock angesetzt. "1, 2, 3!" - das Glas zersplittert. Mit der Trage bauen wir einen Übergang über die Möbel.

Dame gerettet.

Ähnlich geht es bis Mitternacht weiter. Durch Schlamm, Heizöl, Möbel, Unrat, Gestrüpp. Allerdings nicht mehr bei Tageslicht sondern bei Dunkelheit mit Taschenlampen.

Zwischendrin nichts zur Routine werden lassen, Konzentrationhalten, Umgebung scannen, auf die Kameraden achten. Trotz allem wird man immer wieder von Gefahren überrascht.

Eine Dame möchte durch die Gartentür auf die Terrasse treten. Ich komme näher. Die Terrassenplatten versacken im Boden. Ein Sprung zurück. Tief durchatmen. Diesmal alles gut gegangen. Gefahr unterschätzt- abspeichern! Für die Zukunft merken! Eine angeschwemmte Tür dient als Steg.

Nach knapp sechs Stunden im Hochwasser fehlt die Konzentration und die Kraft. In der direkten Umgebung konnten wir keine Personen mehr ausfindig machen.

Boot aussetzen. Gottseidank sind Kollegen der Feuerwehr da. Sie haben vorher mit einem Notstromaggregat etwas Beleuchtung aufgebaut. So haben wir wenigstens bei der Personenübergabe etwas Licht. Sie helfen uns das Boot den Hang hoch zum Fahrzeug zu tragen. Kameradschaft, Arbeiten Hand in Hand - unbezahlbar!

Oben an der Straße ein Feuerwehrfahrzeug. "Wasser marsch!" Etwas den Kopf mit sauberem Wasser waschen. Zurück zur Sammelstelle wo alles angefangen hat. Etwas warmen Tee und Kartoffelsuppe in den Mund. "Das tut gut!"

Nun geht es zurück in die Heimat. Material etwas abspülen. Es könnte ja in den nächsten Stunden erneut ein Alarm eingehen.

Doch die Ausrüstung muss später sowieso entsorgt werden. Neoprenanzüge, Helme, Klettergurte, Rettungsleinen. Alles was im Kontakt mit dem Wasser stand. Heizöl, Fäkalien, Müll und Chemikalien, die irgendwo im Hochwassergebiet ins Wasser gelangt sind. Nicht nur eine akute gesundheitliche Gefahr.

Die Ausrüstung ist die Lebensversicherung eines jeden Strömungsretters, darf keine Fehler aufweisen. Ähnlich eines Atemschutzgeräts eines Feuerwehrmanns. Die Chemikalien greifen die Materialen an. Die Schutzausrüstung im Wert von mehreren Hunderten Euros ist wertlos. Nach dem Hochwasser nicht mehr einsatzfähig. Gegen drei Uhr falle ich ins Bett.

Müde? Ja! Schlafen? Nein.

Handy an. Nachrichten lesen. Die ersten Toten werden gemeldet. Haben wir alles getan? Ich beginne zugrübeln. Letztendlich weiß ich: ja.

Hunderte Stunden Aus- und Fortbildungen. Hunderte Stunden Übungen, Lesen, Lernen. - Ehrenamtlich, seit 15 Jahren mittlerweile. In meiner Freizeit, während andere mit Freunden oder Familien grillen oderins Kino gehen, feiern.

War es das wert? Ich weiß sofort: auf alle Fälle!

Ich weiß auch: Für die Betroffenen war es erst der Anfang. Für diese wird das Hochwasser noch Monate bis Jahre Auswirkungen haben.

Ich werde schläfrig, die letzten Planungen für morgen. Die Abwesenheit und Fehlstunden mit dem Arbeitgeber klären, Fahrzeuge tanken, verbleibendes Material einsatzklar machen.

Und Abends: Schwimmen. Diesmal im Freibad. In klarem Wasser. Um trainiert zu sein - für den nächsten Einsatz.

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Von: Felix Fendt

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